Das Hirtentäschel (Capsella bursa-pastoris) ist eine unscheinbare Pflanze. Wie bedeutsam sie ist, habe ich in Klepelshagen gelernt. Das ist das Gut der Deutschen Wildtierstiftung in Mecklenburg-Vorpommern. Es liegt in den Brohmer Bergen. Dort wo es nichts gibt als eine großartige, eiszeitlich geprägte Landschaft und wo man mit Glück 88 Hirsche auf einen Schlag dabei beobachten kann, wie sie zusammen mit Robustrindern weiden. Und womöglich Trauerseeschwalben. Die sind an der Nordseeküste auf Eiderstedt, wo sie ehemals zu hunderten brüteten, selten geworden. In den Brohmer Bergen findet man sie noch.
Ehrfurcht vor einem Unkraut
In meiner Saatgutmischung befindet sich kein Hirtentäschel. Auf meiner kleinen Wiese wächst es trotzdem. Ein weiterer Hinweis auf die Fähigkeiten der Natur, aus der Vergangenheit zu schöpfen. Hirtentäschel wächst auch gern zwischen den Ritzen von Gehwegplatten. Es ist halt genügsam. Die Pflanze wäre mir nie aufgefallen, vermutlich hätte ich sie sogar herzlos als Unkraut ausgerupft. Aber dann treffe ich Michael Tetzlaff, den Ornithologen der Deutschen Wildtier Stiftung in Klepelshagen. Der erklärt mir, dass der Bluthänfling (Carduelis cannabina) besonders gern die Saat des Hirtentäschelkrauts mag.
Stiller Helfer Regenwurm
Der Bluthänfling ist ein Feldvogel, frisst die Samen von Wildkräutern, und weil die wegen der Intensivierung der Landwirtschaft immer seltener werden, gibt es auch immer weniger Bluthänflinge. Umgekehrt gilt: „Wenn wir den Bluthänfling haben, haben wir etwas richtig gemacht“, sagt Michael Tetzlaff. Der Bio-Betrieb Klepelshagen betreibt eine wildtiergerechte Landwirtschaft. Eine bei der die Hirsche genug zu fressen finden und der Bluthänfling sich wieder vermehren kann, z.B. dank vieler Knicks, Wegraine und breiter Ackerrandstreifen. Die bleiben den Winter hindurch stehen, weil die Vögel dort Samen und Insekten sammeln können. Das Hirtentäschel blüht schon im Mai/Juni. Die Samen der zweijährigen Pflanze sehen übrigens aus wie die Tasche eines Hirten. Verbreitet werden sie u.a. durch Regenwürmer, die sie unter die Erde schaffen, wo die Saat dann jahrelang überdauern kann, wie auf meiner kleinen Wiese.